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GRÜNDONNERSTAG,
1.4.1999
IM PAVILLON, 18.30 UHR
SYLVIE LACROIX,
FLÖTE
Salvatore SCIARRINO:
Come vengono prodotti gli incantesimi?
Canzona di ringraziamento

Salvatore
SCIARRINO
geb. 1947 in Palermo. Er ist von seiner musikalischen Tätigkeit
Autodidakt, begann bereits mit 12 Jahren zu komponieren, später
Studien bei A. Titone und T. Belfiore. Er lebt z. Zt. in Città
di Castello (Perugia). Ehem. künstlerischer Leiter des Stadttheaters
in Bologna. Lehrtätigkeit an den Konservatorien von Mailand, Perugia,
Florenz. Leiter verschiedener Meisterklassen. "Es ist mir immer
ein bißchen peinlich, wenn man mich um eine kurze autobiographische
Notiz bittet. Ich habe jedesmal den Eindruck, daß die andere Seite
Gott weiß welches Abenteuer von mir erwartet. Wie kann man die
Essenz eines ganzen Lebens in nur ein paar Zeilen umgießen? Als
Kind bin ich nicht von Piraten entführt worden; auch habe ich nicht
die Theater der Welt erobert (ehrlicherweise habe ich das auch nie erträumt).
Trotzdem - etwas habe ich schon getan: ich weiß nicht, ob es wert
ist, erzählt zu werden: ich habe meine Musik der Banalität
meiner Vita und meines Gesichts entgegengestellt; und überhaupt,
wieviele Künstler sind schon beiseite geschoben worden, weil sie
sich ausschließlich auf ihre Arbeit konzentriert haben! Und weil
ich es ganz genauso machen wollte, habe ich an einem bestimmten Punkt
meines Lebens aus der Isolation eine Methode gemacht und die großen
Städte hinter mir gelassen und den Schatten gesucht. Trotz alledem
habe ich auch Karriere gemacht und könnte hier eine Liste der Preise,
der Aufführungen und bekannten Interpreten, der künftigen
Aufträge präsentieren. Ohne meine Kunst durch Kompromisse
zu verleugnen, wäre ich sogar reich, wenn ich nicht immer mehr
ausgegeben hätte, als ich verdiente. Sonst habe ich nichts mehr
zu sagen. Ich glaube, es geht hier nicht darum, ob jemand mehr oder
minder bescheiden sein will; ich weiß, wo ich gescheitert bin
und was ich aus dem Nichts erschaffen habe, und meine Leidenschaft für
die Musik wächst ständig. Ich denke, daß die Zukunft,
das Schicksal der Musik, mein Schicksal und das der anderen, dem Wind
anvertraut ist. Wenn die Bäume blühen, dann nur, um sich im
Frühling aufzulösen." Sciarrino erklärte selbst
nachdrücklich, er habe die Instrumente in einen unbekannten Winkel
der Welt entführt, in einen verborgenen, fast nicht greifbaren
Bereich zwischen Klang und Stille, Klang und Geräusch, zwischen
dem Ton und seinen Schattierungen von Hauchen, Seufzern, Klappengeräuschen,
vielfältigen dichten Klängen unterschiedlicher Komplexität
und anderen Klangereignissen, die von den Ausführenden durch eine
anspruchsvolle und präzise Notation verlangt werden. Der Komponist
schafft neue Dimensionen, erschließt der Musik einen bis dahin
unbekannten klanglichen Reichtum. Jede Komposition sei ein Kosmos, sagt
Sciarrino. Der Künstler reflektiere in der Weise, wie er seine
Musik ordnet, stets eine Vorstellung vom Universum, und dieses Universum
spiegele eine Konzeption von Gesellschaft wieder. Die Virtuosität
des Interpreten wird nicht nur als Demonstration von dessen Bravour
verstanden, sondern auch als Manifestation von ästhetischen und
moralischen Prinzipien.
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KARFREITAG,
2.4.1999
IM PAVILLON, 18.30 UHR
TOBIAS STOSIEK,
VIOLONCELLO
SASA MARKOVIC,
AKKORDEON
Sofia GUBAIDULINA: In
croce

Sofia
GUBAIDULINA
1931 in Tschistopol (Tatarische Republik) geboren, Schülerin eines
Assistenten von D. Shostakovich, N. Pejko, verkörpert die besten
musikalischen Traditionen des russischen Vielvölkerstaates, gehörte
jedoch nie zu den "Prominenten". Denn seit ihrer Studienzeit
war ihr kompositorischer Weg in der ehemaligen Sowjetunion dornenreich,
bestimmt von Diffamierungen, Repressionen, Aufführungs- und Ausreiseverboten.
Ihre Kompositionen wurden als "falscher Weg" gebranntmarkt,
der Vorsitzende der damaligen Prüfungskomission, D. Shostakovich,
drückte ihr dabei jedoch die Hand und wünschte ihr Mut und
Kraft, "auf ihrem falschen Weg weiterzukomponieren". Ihre
Kompositionen zeigen - auch innerhalb der Moskauer Avantgarde - einen
skurillen Farbreichtum. Ihr Schaffen basiert auf einer universalistischen
Weltanschauung. Sie fühlt sich im westeuropäischen Kulturraum
genauso zu Hause wie im östlich-asiatischen. Universalistisch ist
auch ihre tiefe Religiosität: "Ich möchte eine Einheit
schaffen zwischen meiner Existenz und der von Gott. Nur in der Kunst
und Religion gelangen wir wirklich zu einer existentiellen Zeit... Ich
verstehe Religion als einen Prozeß, diese Einheit zu schaffen.
Vielleicht ist Kunst nur eine Art Gottesdienst für mich selbst".
Gubaidulinas Kompositionen deuten im Titel häufig ein poetisches
oder religiös gedachtes Programm an, so auch im Fall von "In
croce". Der Titel bezieht sich nicht nur auf den Wesensgehalt des
Stückes, sondern bestimmt auch dessen Satzstruktur: die Instrumente,
die zu Beginn noch in hoher (Bajan bzw. Akkordeon) und tiefer Lage (Cello)
verharren, bewegen sich im Verlauf immer mehr aufeinander zu, bis sie
sich "durchkreuzen". Wann immer beide Linien sich schräg
übereinanderschlagen, kommt es zu einem Höhepunkt, der einer
elektrischen Entladung gleicht. Diese Musik zeigt eine verzweifelte
Spiritualität. Gubaidulina schuf hier ein Werk von erschreckender
Kraft, und in der Tat ist der Höhepunkt dieses Werks unbeschreiblich
furchterregend und beunruhigend. Eine äußerst erregende Meditation
über den Begriff "Kreuz". Gubaidulinas Werk wurde erst
in letzter Zeit in der westlichen Musikwelt - mit großer Verspätung
- durch den unermüdlichen Einsatz von Gidon Kremer bekannt und
findet heute uneingeschränkte Anerkennung. Gubaidulina lebt zurückgezogen
in einem kleinen Ort bei Hamburg.
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